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Tradingpsychologie

Die Phänomene, die Handelsentscheidungen verzerren – ein Nachschlagewerk zu Denkfehlern, emotionalen Mustern und den Besonderheiten des regelbasierten Handels.

Inhalt

Wozu dieser Text

Die meisten Fehlentscheidungen an den Märkten entstehen nicht aus fehlendem Wissen über Märkte, sondern aus Mustern, die im Menschen angelegt sind. Diese Muster sind gut erforscht, sie haben Namen, und sie treten bei fast allen Marktteilnehmern auf – bei Anfängern wie bei Profis.

Das Problem ist selten, dass jemand diese Muster nicht überwinden könnte. Das Problem ist, dass er sie nicht kennt und deshalb nicht bemerkt, wenn sie gerade wirken. Ein Phänomen, das einen Namen hat, ist im entscheidenden Moment wesentlich leichter zu erkennen als ein diffuses Gefühl.

Dieser Text ist deshalb ein Nachschlagewerk, kein Kurs. Er beschreibt die relevanten Phänomene, erklärt kurz, warum sie entstehen, und beschreibt, woran sie im Rückblick typischerweise erkennbar sind. Er lässt sich von vorne bis hinten lesen, ist aber vor allem dafür gedacht, über das Inhaltsverzeichnis punktuell angesteuert zu werden.

Der letzte Teil behandelt Phänomene, die speziell beim regelbasierten und automatisierten Handel auftreten. Dieser Bereich wird in der Standardliteratur zur Tradingpsychologie kaum abgedeckt, obwohl er für jeden relevant ist, der mit Backtests und Handelssystemen arbeitet.

Teil 1 – Klassische Denkfehler

Diese Verzerrungen stammen aus der Verhaltensökonomie und der kognitiven Psychologie. Sie wirken nicht nur beim Handel, sondern bei Entscheidungen unter Unsicherheit generell. An den Märkten sind ihre Auswirkungen nur unmittelbar in Geld messbar.

Verlustaversion

Verluste wiegen psychologisch schwerer als Gewinne gleicher Höhe. In den Experimenten von Kahneman und Tversky lag der Faktor bei ungefähr zwei: Ein Verlust von 1.000 Euro schmerzt etwa doppelt so stark, wie ein Gewinn von 1.000 Euro erfreut.

„Ich kann jetzt nicht verkaufen. Dann ist der Verlust ja echt.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Für die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte war der Verlust von Ressourcen existenzbedrohend, ein zusätzlicher Gewinn dagegen nur angenehm. Eine Asymmetrie zugunsten der Verlustvermeidung war deshalb überlebensfördernd. An einem Markt, an dem Verluste ein normaler und einkalkulierter Teil jeder Strategie sind, ist dieselbe Asymmetrie schädlich.

Woran man es hinterher erkennt

Typisch ist, dass ein Verlust erst dann als real empfunden wird, wenn die Position geschlossen ist – obwohl das Depot den Wert längst abgebildet hat. Ebenso typisch: Positionen im Minus werden seltener angesehen als Positionen im Plus. Und: Die geplante Verlustgrenze wurde beim ersten Erreichen nicht ausgeführt, sondern nachverhandelt.

Dispositionseffekt

Die Neigung, Gewinnpositionen zu früh zu schließen und Verlustpositionen zu lange zu halten. Er ist die direkte praktische Folge der Verlustaversion und einer der am besten belegten Effekte im Anlegerverhalten.

„Die Gewinne nehme ich lieber mit, bevor sie wieder weg sind. Der Verlierer dreht schon noch.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ein realisierter Gewinn ist eine Bestätigung, ein realisierter Verlust ein Eingeständnis. Solange die Position offen ist, bleibt die Möglichkeit bestehen, dass die ursprüngliche Entscheidung doch richtig war. Das Halten des Verlierers kauft also nicht Rendite, sondern Aufschub.

Woran man es hinterher erkennt

Kennzeichnend ist ein Muster in der Statistik: viele kleine Gewinne, wenige große Verluste. Die durchschnittliche Haltedauer von Verlustpositionen liegt deutlich über der von Gewinnpositionen. Häufig steigt zusätzlich die Trefferquote, während das Gesamtergebnis fällt – ein Widerspruch, der praktisch immer auf diesen Effekt zurückgeht.

Selbstüberschätzung

Die systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, der Genauigkeit der eigenen Informationen und der eigenen Prognosegüte. In Befragungen halten sich regelmäßig deutlich mehr als die Hälfte der Anleger für überdurchschnittlich gut.

„Ich sehe hier etwas, das der Markt noch nicht eingepreist hat.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Selbstvertrauen ist in den meisten Lebensbereichen funktional; es führt zu Handlung statt Lähmung. Zudem liefern Märkte ein extrem verrauschtes Feedback: Eine falsche Entscheidung kann kurzfristig Gewinn bringen, eine richtige Verlust. Wo Ergebnis und Entscheidungsqualität so lose zusammenhängen, ist Lernen aus Erfahrung schwierig – und die Selbsteinschätzung driftet.

Woran man es hinterher erkennt

Ein deutliches Zeichen ist eine steigende Handelsfrequenz nach einer Erfolgsphase. Untersuchungen von Barber und Odean zeigen, dass höhere Handelsaktivität bei Privatanlegern im Mittel mit schlechteren Nettoergebnissen einhergeht. Ein weiteres Zeichen: Prognosen werden mit einer Präzision formuliert, die die zugrunde liegenden Daten nicht hergeben.

Recency Bias

Jüngste Ereignisse werden bei der Einschätzung der Zukunft stärker gewichtet als weiter zurückliegende. Was gerade passiert ist, erscheint als das Normale.

„Der Markt fällt seit drei Wochen. Das geht so weiter.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Aktuelle Informationen sind leichter abrufbar, und in den meisten Umgebungen ist Aktualität tatsächlich ein guter Indikator für Relevanz. Märkte sind eine der Ausnahmen: Sie durchlaufen Regime, die sich über Zeiträume erstrecken, die das Erleben eines einzelnen Beobachters übersteigen.

Woran man es hinterher erkennt

Typisch ist, dass die Einschätzung des Gesamtmarktes sich mit der Kursentwicklung der letzten Wochen dreht, ohne dass neue fundamentale Information hinzugekommen wäre. Ebenfalls typisch: Strategien werden nach einer schwachen Phase verworfen, obwohl der betrachtete Zeitraum statistisch keine Aussagekraft hat.

Bestätigungsfehler

Informationen, die zur eigenen Position passen, werden bevorzugt gesucht, stärker gewichtet und besser erinnert. Widersprechende Informationen werden kritischer geprüft oder ignoriert.

„Ich habe nochmal recherchiert – es sieht wirklich gut aus.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Widersprüche zwischen Überzeugung und Information sind unangenehm. Der bequemere Weg zur Auflösung ist die Abwertung der Information. Hinzu kommt: Wer eine Position eingegangen ist, hat sich damit auch als jemand definiert, der diese Einschätzung teilt. Die Information anzuzweifeln bedeutet, sich selbst anzuzweifeln.

Woran man es hinterher erkennt

Charakteristisch ist, dass die Suche nach Informationen erst nach dem Einstieg intensiviert wird. Ein weiteres Merkmal: Quellen, die widersprechen, werden mit Argumenten zur Quelle entkräftet, nicht mit Argumenten zur Sache. Und die Beobachtungsliste enthält fast nur Instrumente, die zur eigenen Marktthese passen.

Ankereffekt

Eine einmal wahrgenommene Zahl beeinflusst nachfolgende Einschätzungen, auch wenn sie sachlich irrelevant ist. Der häufigste Anker beim Handel ist der eigene Einstiegskurs.

„Bei 42 bin ich rein, bei 42 gehe ich wieder raus. Dann bin ich wenigstens bei null.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Bei Schätzungen unter Unsicherheit sucht das Gehirn einen Ausgangspunkt und korrigiert von dort aus – meist zu wenig. Der Effekt ist so robust, dass er selbst mit offensichtlich zufälligen Zahlen nachweisbar ist.

Woran man es hinterher erkennt

Der eigene Einstiegskurs ist für den Markt bedeutungslos; er ist eine private Information. Wo er in einer Ausstiegsentscheidung eine Rolle spielt, hat der Anker gewirkt. Ähnlich: Ein früheres Allzeithoch oder ein runder Kurswert wird als Ziel behandelt, ohne dass es dafür eine methodische Begründung gäbe.

Sunk-Cost-Fehler

Bereits aufgewendete und nicht rückholbare Kosten fließen in Entscheidungen über die Zukunft ein, obwohl für diese Entscheidungen nur die Zukunft zählt. Aufgewendet sein können Geld, Zeit oder Aufmerksamkeit.

„Ich habe drei Monate in diese Position gesteckt. Jetzt aufgeben wäre Verschwendung.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Der Abbruch macht den bisherigen Aufwand sichtbar vergeblich. Weiterzumachen erhält die Möglichkeit, dass er sich am Ende doch gelohnt hat. Das ist kein Rechenfehler, sondern ein Versuch, ein bereits eingetretenes Ergebnis nachträglich zu vermeiden.

Woran man es hinterher erkennt

Erkennbar wird der Effekt an der Begründung: Sie verweist auf die Vergangenheit („so lange dabei“, „so viel investiert“) statt auf die erwartete zukünftige Entwicklung. Ein nützlicher Prüfstein ist die Frage, ob man dieselbe Position heute, ohne Vorgeschichte, neu eröffnen würde.

Rückschaufehler

Nach einem Ereignis erscheint dieses als vorhersehbarer, als es vorher war. Die eigene frühere Unsicherheit wird rückwirkend unterschätzt.

„Das war doch völlig klar, dass das kommt.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Das Gedächtnis speichert keine vollständigen Zustände, sondern rekonstruiert sie. Bei der Rekonstruktion ist das tatsächliche Ergebnis bereits bekannt und färbt die Erinnerung an die damalige Einschätzung ein. Alternativen, die damals gleich plausibel waren, verschwinden aus dem Bild.

Woran man es hinterher erkennt

Das Phänomen ist der Hauptgrund, warum Erfahrung an den Märkten so langsam in Kompetenz übergeht: Wer glaubt, es vorher gewusst zu haben, hat nichts zu lernen. Erkennbar ist es daran, dass Rückblicke ohne schriftliche Aufzeichnung stattfinden. Wo Aufzeichnungen existieren, weichen sie regelmäßig deutlich von der Erinnerung ab.

Spielerfehlschluss

Die Annahme, dass unabhängige Zufallsereignisse sich ausgleichen müssen – dass nach einer Serie von Verlusten ein Gewinn „fällig“ sei.

„Fünf Verluste in Folge. Der nächste muss einfach sitzen.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Menschen erwarten von Zufallsfolgen, dass sie zufällig aussehen. Eine Serie gleicher Ergebnisse widerspricht diesem Bild und wird deshalb als Anomalie gelesen, die einer Korrektur bedarf. Tatsächlich sind Serien in Zufallsfolgen häufiger, als die Intuition erwartet.

Woran man es hinterher erkennt

Die praktisch gefährlichste Ausprägung ist die Erhöhung der Positionsgröße nach Verlusten. Diese Logik führt in der Extremform zur Martingale-Strategie, bei der der Einsatz nach jedem Verlust verdoppelt wird – ein Vorgehen, das über lange Zeiträume unauffällig funktioniert und dann den gesamten Bestand vernichtet.

Mentale Buchführung

Geld wird nicht als eine fungible Größe behandelt, sondern gedanklich auf getrennte Konten verteilt, für die unterschiedliche Regeln gelten.

„Das ist ja nur der Gewinn aus letzter Woche. Damit kann ich mehr riskieren.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Getrennte Konten reduzieren Komplexität und erleichtern die Selbstkontrolle im Alltag – ein Haushaltsbudget ist eine sinnvolle Anwendung desselben Mechanismus. Beim Handel führt die Trennung dazu, dass identische Beträge unterschiedlich riskant behandelt werden, je nachdem, woher sie stammen.

Woran man es hinterher erkennt

Ein Hinweis ist die Unterscheidung zwischen „meinem Geld“ und „dem Geld des Marktes“. Ein anderer: Die Risikobetrachtung erfolgt pro Position statt für das Gesamtdepot, wodurch korrelierte Positionen als getrennte Risiken erscheinen, obwohl sie gemeinsam fallen.

Überlebendenverzerrung

Die Betrachtung stützt sich nur auf die Fälle, die den Auswahlprozess überlebt haben. Gescheiterte Fälle sind unsichtbar und verzerren dadurch jede daraus abgeleitete Schlussfolgerung.

„Alle erfolgreichen Trader, von denen ich lese, machen es so.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Schlüsse werden aus verfügbaren Daten gezogen, und die Verfügbarkeit ist hier systematisch selektiv. Wer mit einer Strategie gescheitert ist, schreibt darüber selten. Das Fehlen dieser Fälle wird nicht als Informationslücke wahrgenommen, weil eine Lücke, die man nicht sieht, sich nicht anfühlt wie eine Lücke.

Woran man es hinterher erkennt

Der Effekt steckt in Fondsvergleichen, in denen geschlossene Fonds nicht mehr auftauchen, in Indexhistorien, aus denen ausgeschiedene Unternehmen entfernt wurden, und in jeder Sammlung erfolgreicher Marktteilnehmer. Die relevante Gegenfrage lautet stets: Wie viele haben es genauso gemacht und sind gescheitert?

Teil 2 – Emotionale Muster im Handel

Während Teil 1 Denkfehler beschreibt, geht es hier um Zustände. Sie treten meist unter Zeitdruck, nach Verlusten oder nach starken Kursbewegungen auf und führen zu Handlungen, die der Betreffende außerhalb dieses Zustands nicht gewählt hätte.

FOMO – Angst, etwas zu verpassen

Der Drang, in eine bereits laufende Bewegung einzusteigen, ausgelöst nicht von einem Signal, sondern von der Bewegung selbst.

„Der Markt läuft seit drei Tagen ohne mich. Wenn ich jetzt nicht einsteige, verpasse ich alles.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ausschluss aus einer Gruppe, die gerade profitiert, wird ähnlich verarbeitet wie ein Verlust. Verstärkt wird das durch soziale Sichtbarkeit: In Foren und sozialen Netzwerken werden Gewinne geteilt, Verluste selten. Der wahrgenommene Anteil erfolgreicher Teilnehmer ist dadurch systematisch zu hoch.

Woran man es hinterher erkennt

Kennzeichnend ist die Reihenfolge: Erst der Einstieg, dann die Begründung. Ein weiteres Merkmal ist, dass ein solcher Trade keiner definierten Regel zugeordnet werden kann – gefragt nach dem Auslöser, lautet die Antwort auf die Kursbewegung selbst. Zeitlich fällt der Einstieg typischerweise in die Spätphase einer Bewegung, weil erst dann die Aufmerksamkeit groß genug ist.

Panikverkauf

Das Schließen von Positionen unter akutem emotionalen Druck, ausgelöst durch einen schnellen Kursrückgang, ohne dass eine vorher definierte Ausstiegsbedingung erreicht wäre.

„Ich halte das nicht mehr aus. Raus, egal zu welchem Preis.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Bei starkem Stress verschiebt sich die Verarbeitung zugunsten schneller, reflexhafter Reaktionsmuster. Die Fähigkeit, mehrere Szenarien parallel abzuwägen, nimmt messbar ab. Was in einer physischen Gefahrensituation sinnvoll ist – sofortiges Handeln ohne Abwägung – ist am Markt fast immer nachteilig.

Woran man es hinterher erkennt

Typisch ist, dass der Ausstieg nahe dem Tiefpunkt der Bewegung erfolgt, weil der emotionale Druck genau dort maximal ist. Ein zweites Merkmal ist die anschließende Handlungsunfähigkeit: Nach einem Panikverkauf fällt der Wiedereinstieg schwer, auch wenn die ursprüngliche Grundlage unverändert besteht.

Rachetrading

Der Versuch, einen Verlust unmittelbar durch einen weiteren Trade auszugleichen. Der Auslöser ist nicht eine Marktbeobachtung, sondern der vorangegangene Verlust.

„Das hole ich mir jetzt zurück.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Der Verlust wird nicht als statistisches Ereignis verarbeitet, sondern als persönliche Niederlage – gegen den Markt, der dabei unwillkürlich zum Gegner personifiziert wird. Das Bedürfnis, den Zustand vor dem Verlust wiederherzustellen, verdrängt die Frage nach dem erwarteten Wert der nächsten Entscheidung.

Woran man es hinterher erkennt

Kennzeichnend ist eine deutlich verkürzte Zeitspanne zwischen dem Verlust und dem nächsten Trade, häufig verbunden mit erhöhter Positionsgröße. Die schwersten Verlusttage bestehen fast nie aus einem einzelnen großen Verlust, sondern aus einer Kette – der erste Verlust war der Auslöser, die folgenden waren die Reaktion.

Gier und der House-Money-Effekt

Nach einer Gewinnserie steigt die Risikobereitschaft, weil die Gewinne gedanklich nicht als eigenes Vermögen behandelt werden.

„Das läuft gerade. Da kann ich jetzt größer rein.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Der Begriff stammt aus dem Kasino: Mit dem Geld des Hauses spielt es sich leichter. Kombiniert wird der Effekt mit dem Erfolgserleben – eine Gewinnserie wird als Beleg für Können gelesen, obwohl kurze Serien in nahezu jeder Zufallsfolge vorkommen.

Woran man es hinterher erkennt

Erkennbar ist es an einer Positionsgröße, die mit dem Kontostand mitwächst, ohne dass eine Regel dies vorsehen würde. Ein weiterer Hinweis: Der größte Einzelverlust einer Handelshistorie folgt auffallend oft unmittelbar auf die beste Phase.

Analyseparalyse

Der Zustand, in dem immer weitere Informationen gesammelt werden, ohne dass eine Entscheidung zustande kommt.

„Ich schaue mir noch einen Indikator an, dann bin ich sicher.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Solange die Entscheidung aussteht, kann sie nicht falsch sein. Weitere Analyse fühlt sich nach Fortschritt an, verschiebt aber tatsächlich nur den Zeitpunkt, an dem Unsicherheit ausgehalten werden muss. Ab einem gewissen Punkt erhöht zusätzliche Information die subjektive Sicherheit, ohne die Prognosegüte zu verbessern.

Woran man es hinterher erkennt

Ein Merkmal ist, dass nach dem Hinzufügen weiterer Kriterien keine Entscheidung folgt, sondern die Suche nach dem nächsten Kriterium. Ein zweites: Die Zahl der beobachteten Indikatoren wächst, während die Zahl der ausgeführten Trades sinkt.

Handeln aus Langeweile

Positionen werden eröffnet, weil gerade nichts zu tun ist, nicht weil eine Bedingung erfüllt wäre.

„Heute ist gar nichts los. Irgendwas geht doch immer.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Handeln erzeugt Reize – offene Positionen halten die Aufmerksamkeit. Untätigkeit fühlt sich bei einer Tätigkeit, die man als aktiv versteht, nach Versäumnis an, obwohl Abwarten in den meisten Systemen der Normalzustand ist. Wer den Bildschirm beobachtet, empfindet Nichthandeln zudem als unproduktiv.

Woran man es hinterher erkennt

Typisch ist eine Häufung von Trades in ruhigen Marktphasen und außerhalb der Zeitfenster, in denen die eigene Strategie üblicherweise Signale liefert. Ein weiteres Merkmal: Solche Trades werden im Nachhinein am schwersten begründbar.

Teil 3 – Regelbasierter und automatisierter Handel

Wer nach festen Regeln oder mit einem Handelssystem arbeitet, hat einen Teil der oben beschriebenen Muster ausgeschaltet: Ein System bekommt keine Panik und kein FOMO. Die Emotion verschwindet dadurch aber nicht, sie verlagert sich – vom einzelnen Trade auf die Entscheidungen über das System.

Diese Phänomene sind in der Standardliteratur unterrepräsentiert, obwohl sie die häufigste Ursache dafür sind, dass funktionierende Systeme in der Praxis kein Ergebnis liefern.

Der Abschaltreflex

Das Abschalten oder Aussetzen eines Systems während eines Drawdowns, ohne dass ein vorher definiertes Abbruchkriterium erreicht wäre.

„Das funktioniert offensichtlich nicht mehr. Ich stoppe das, bevor mehr wegläuft.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Es ist dieselbe Verlustaversion wie in Teil 1, nur eine Ebene höher. Verschärfend kommt hinzu, dass ein Drawdown eines automatischen Systems ohne eigene Handlung entsteht – das Gefühl des Kontrollverlusts ist deshalb stärker als bei selbst eröffneten Positionen. Das Abschalten stellt Kontrolle wieder her, unabhängig davon, ob es dem Ergebnis dient.

Woran man es hinterher erkennt

Charakteristisch ist die zeitliche Lage: Die Abschaltung erfolgt in der Nähe des Drawdown-Tiefpunkts, weil dort der Druck am größten ist. Erkennbar ist der Reflex außerdem daran, dass die Abschaltschwelle in der Praxis deutlich unter dem Drawdown liegt, den derselbe Anwender im Backtest ohne Weiteres akzeptiert hat. Wer einen historischen Drawdown von 25 Prozent als Kennzahl hinnimmt, ihn aber live bei 9 Prozent beendet, hat nicht das System bewertet, sondern seine Belastung.

Manuelles Übersteuern

Das Eingreifen in ein laufendes System – Positionen von Hand schließen, Signale überspringen, Parameter im laufenden Betrieb ändern.

„Diesmal liegt der Fall anders. Das sehe ich, das System nicht.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ein System ist definitionsgemäß nicht in der Lage, Kontext zu berücksichtigen, den es nicht kennt. Der Anwender sieht diesen Kontext – oder glaubt es. Da er die Regeln selbst geschrieben hat, empfindet er sich als übergeordnete Instanz. Der Eingriff fühlt sich deshalb nicht wie ein Regelbruch an, sondern wie Urteilsvermögen.

Woran man es hinterher erkennt

Das entscheidende Merkmal ist, dass jede Übersteuerung die Aussagekraft des Backtests aufhebt: Was live läuft, ist nicht mehr das getestete System, sondern eine Mischung aus System und Ermessen, für die keinerlei Statistik vorliegt. Erkennbar wird das daran, dass Live-Ergebnis und erwartetes Ergebnis auseinanderlaufen und die Ursache nicht mehr zuzuordnen ist. Wer Eingriffe protokolliert, findet zudem regelmäßig, dass sie in Summe negativ beitragen.

Überanpassung als Wunschdenken

Das Optimieren von Parametern, bis die Backtest-Kurve überzeugend aussieht. Fachlich heißt das Overfitting oder Curve Fitting; psychologisch ist es die Suche nach einem Ergebnis, nicht nach einer Antwort.

„Mit 14 statt 12 Perioden sieht es viel besser aus. Das nehme ich.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Der Vorgang fühlt sich nach Arbeit und Fortschritt an, und jede Verbesserung der Kurve liefert eine unmittelbare Belohnung. Dass die Kurve dabei nicht besser wird, sondern nur enger an die Vergangenheit angelegt, ist nicht spürbar. Hinzu kommt der Bestätigungsfehler: Gesucht wird nach einer Bestätigung, dass die Idee funktioniert – nicht nach Bedingungen, unter denen sie versagt.

Woran man es hinterher erkennt

Ein zuverlässiges Merkmal ist die Reaktion auf kleine Parameteränderungen: Bricht das Ergebnis bei geringfügiger Verschiebung ein, wurde Rauschen abgebildet, kein Zusammenhang. Ein zweites Merkmal ist die Zahl der Testläufe – wer hundert Varianten prüft, findet mit Sicherheit eine, die zufällig gut aussieht. Und ein drittes: Die Regeln enthalten Bedingungen, für die sich außerhalb der Backtest-Kurve keine Begründung angeben lässt.

Strategiewechsel und Neuheitsbias

Das wiederholte Verwerfen von Systemen zugunsten neuer, bevor eine statistisch belastbare Zahl von Trades vorliegt.

„Das hier läuft seit vier Wochen seitwärts. Ich habe da einen besseren Ansatz gesehen.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ein neues System hat noch keine Verlusthistorie und damit noch keine emotionale Last. Der Wechsel verspricht einen Neuanfang und liefert zugleich das Gefühl, aktiv an einer Verbesserung zu arbeiten. Gleichzeitig unterschätzen Menschen systematisch, wie viele Beobachtungen nötig sind, um einen Unterschied von Zufall zu trennen – bei typischen Trefferquoten und Gewinn-Verlust-Verhältnissen liegt die Zahl im Bereich mehrerer hundert Trades.

Woran man es hinterher erkennt

Erkennbar an der Bewertungsgrundlage: Beurteilt wird nach Wochen, nicht nach Anzahl der Trades. Ein weiteres Merkmal ist, dass jedes verworfene System zum Zeitpunkt des Wechsels in einem Drawdown stand – was bedeutet, dass systematisch am ungünstigsten Punkt gewechselt wurde. Über mehrere Zyklen entsteht so eine Ergebniskurve, die schlechter ist als jedes einzelne der verwendeten Systeme.

Automatisierungsverzerrung

Das Gegenstück zum Abschaltreflex: übermäßiges Vertrauen in ein automatisches System, verbunden mit nachlassender Kontrolle.

„Das läuft ja. Da muss ich nicht ständig draufschauen.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ausgaben von Systemen wirken objektiv, weil sie in Zahlenform erscheinen. Kommt eine Phase ohne Probleme hinzu, sinkt die Aufmerksamkeit weiter – ein Muster, das aus der Luftfahrt und der Medizintechnik gut dokumentiert ist. Das Risiko liegt dabei selten in der Handelslogik, sondern in der Technik darum herum: Verbindungsabbrüche, fehlerhafte Daten, veränderte Kontraktspezifikationen, doppelt ausgeführte Orders.

Woran man es hinterher erkennt

Ein Merkmal ist das Fehlen einer regelmäßigen Kontrolle, ob die tatsächlich ausgeführten Positionen den erwarteten entsprechen. Ein zweites: Es existiert keine definierte Reaktion auf technische Störungen, weil bisher keine aufgetreten ist. Auffällig wird die Verzerrung meist erst, wenn eine Abweichung über längere Zeit unbemerkt bestand.

Kontrollillusion durch Parameter

Die Empfindung, ein Ergebnis stärker beeinflussen zu können, als es tatsächlich der Fall ist – erzeugt durch die Menge an Einstellmöglichkeiten.

„Wenn ich noch einen Filter ergänze, wird es robuster.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Handlungsmöglichkeiten werden intuitiv als Einfluss gelesen. Je mehr Stellschrauben ein System bietet, desto stärker das Gefühl, das Ergebnis zu steuern – obwohl der Marktanteil an der Ergebnisvarianz unverändert bleibt. Der Effekt ist experimentell auch dort nachweisbar, wo das Ergebnis nachweislich rein zufällig ist.

Woran man es hinterher erkennt

Erkennbar ist die Illusion an einer wachsenden Zahl von Regeln bei gleichbleibender oder sinkender Ergebnisqualität. Jede zusätzliche Bedingung reduziert die Zahl der Beobachtungen, auf denen die Auswertung beruht, und erhöht damit den Anteil des Zufalls – der Eindruck von Kontrolle steigt, während die Verlässlichkeit sinkt.

Vergleich mit fremden Ergebnissen

Die Bewertung des eigenen Systems anhand der Ergebnisse anderer, wie sie in Foren, sozialen Netzwerken oder in geteilten Strategien sichtbar werden.

„Andere machen damit deutlich mehr. Bei mir stimmt etwas nicht.“

Warum das Gehirn so arbeitet

Ohne objektiven Maßstab bewertet der Mensch die eigene Leistung im sozialen Vergleich. Bei Handelsergebnissen ist die Vergleichsgrundlage jedoch systematisch verzerrt: Geteilt werden gute Phasen, nicht Gesamthistorien; Risiko und Kapitaleinsatz sind meist unbekannt; gescheiterte Ansätze werden gar nicht erst veröffentlicht. Es ist die Überlebendenverzerrung in ihrer alltäglichsten Form.

Woran man es hinterher erkennt

Typisch ist, dass die Rendite ohne das zugehörige Risiko verglichen wird – zwei Systeme mit gleicher Rendite und unterschiedlichem Drawdown sind nicht vergleichbar, erscheinen im Vergleich aber identisch. Ein weiteres Merkmal: Der Wunsch nach Anpassung des eigenen Systems entsteht unmittelbar nach dem Betrachten fremder Ergebnisse, nicht nach der Auswertung eigener Daten.

Teil 4 – Was in der Praxis dagegen hilft

Wissen über diese Phänomene verhindert sie nicht. Sie wirken auch dann, wenn man sie kennt – das ist kein Zeichen mangelnder Disziplin, sondern eine Eigenschaft der Mechanismen selbst. Wirksam sind deshalb weniger Vorsätze als strukturelle Vorkehrungen, die im Moment der Entscheidung bereits bestehen.

Die folgenden Ansätze sind in der Fachliteratur breit dokumentiert. Sie sind als Überblick zu verstehen, nicht als Empfehlung für eine bestimmte Vorgehensweise.

Festlegung vor dem Ernstfall. Entscheidungen, die im Voraus und ohne Druck getroffen werden, unterscheiden sich systematisch von Entscheidungen im laufenden Verlust. Wer Ausstiegs- und Abbruchkriterien schriftlich festlegt, bevor eine Position oder ein System läuft, verlagert die Entscheidung in einen Zustand, in dem die oben beschriebenen Muster schwächer wirken.

Kenntnis der erwarteten Drawdown-Tiefe. Ein Drawdown, mit dem gerechnet wurde, wird anders erlebt als einer, der überrascht. Die historisch tiefste Verlustphase eines Systems und ihre Dauer sind deshalb die praktisch wichtigsten Kennzahlen – nicht die Rendite. Der reale Drawdown fällt zudem regelmäßig tiefer aus als der historische, weil die Historie nur eine von vielen möglichen Verlaufsformen zeigt.

Zeitliche Puffer. Eine feste Wartezeit zwischen Impuls und Ausführung – auch nur wenige Stunden – entzieht den akuten Zuständen aus Teil 2 ihre Wirkung, weil diese von Natur aus kurzlebig sind. Das gilt für Panikverkäufe, Rachetrades und FOMO-Einstiege gleichermaßen.

Schriftliche Aufzeichnung. Ein Journal, in dem der Grund für eine Entscheidung vor dem Ergebnis festgehalten wird, ist das einzige wirksame Mittel gegen den Rückschaufehler. Ohne Aufzeichnung wird die Erinnerung an die eigene damalige Einschätzung durch das Ergebnis überschrieben, und aus Erfahrung entsteht kein Lernen.

Trennung von Entscheidung und Ergebnis. Eine gute Entscheidung kann zu einem Verlust führen, eine schlechte zu einem Gewinn. Wer Entscheidungen nach dem Ergebnis bewertet, lernt in einem verrauschten Umfeld unvermeidlich Falsches. Die belastbarere Frage lautet, ob die Entscheidung mit den vorliegenden Informationen und den eigenen Regeln vereinbar war.

Positionsgröße als Regler für Emotion. Die Größe einer Position bestimmt, wie stark ihre Schwankung emotional wirkt. Wer feststellt, dass ihn eine Position nicht schlafen lässt, hat damit eine Information über die Größe, nicht über den Markt. Positionsgrößen, bei denen der übliche Drawdown ohne akuten Druck aushaltbar ist, machen die meisten Vorsätze überflüssig.

Realistische Stichprobengröße. Die Zahl der Trades, die nötig ist, um Können von Zufall zu unterscheiden, liegt deutlich höher, als die Intuition nahelegt. Wenige Wochen und einige Dutzend Trades erlauben in aller Regel keine Aussage über die Qualität eines Ansatzes. Wer diese Größenordnung kennt, bewertet einzelne Verlustphasen anders.

Zum Weiterlesen

  • Kahneman, Daniel (2012): Schnelles Denken, langsames Denken. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. München: Siedler. (Originalausgabe: Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2011.) Die Grundlage zu Verlustaversion, Anker und Verfügbarkeit.
  • Barber, Brad M. / Odean, Terrance (2000): Trading Is Hazardous to Your Wealth: The Common Stock Investment Performance of Individual Investors. In: The Journal of Finance 55 (2), S. 773–806. DOI: 10.1111/0022-1082.00226 Empirische Belege zu Handelsfrequenz und Ergebnis.
  • Barber, Brad M. / Odean, Terrance (2001): Boys Will Be Boys: Gender, Overconfidence, and Common Stock Investment. In: The Quarterly Journal of Economics 116 (1), S. 261–292. Handelsaktivität und Selbstüberschätzung im Vergleich zweier Gruppen.
  • Taleb, Nassim Nicholas (2018): Narren des Zufalls. Die unterschätzte Rolle des Zufalls in unserem Leben. Aus dem Amerikanischen von Patricia Künzel. München: Pantheon. (Originalausgabe: Fooled by Randomness. New York: Texere, 2001.) Zur Rolle des Zufalls und zur Überlebendenverzerrung.
  • Tetlock, Philip E. / Gardner, Dan (2016): Superforecasting. Die Kunst der richtigen Prognose. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Frankfurt am Main: S. Fischer. (Originalausgabe: Superforecasting: The Art and Science of Prediction. New York: Crown, 2015.) Zu Prognosegüte, Kalibrierung und dem Nutzen schriftlicher Aufzeichnung.

Quelle: https://www.atse-system.com/tradingpsychologie.html · Herausgeber: JG Enterprise Capital GmbH